Brief an meine große Schwester

Liebe A.,

ich freue mich so sehr darauf, bald meinen kleinen Neffen im Arm zu halten. Ich muss zugeben, es fällt mir schwer, mich mit den Geschichten rund ums Kinderkriegen, Kinderhaben, Elternsein zurückzuhalten. Aber ich tue es, da ich aus eigener Erfahrung weiß, dass man das ganze Geschwafel als werdende Eltern sowieso nicht so richtig aufnimmt und ja überhaupt bei einem selbst alles ganz anders wird.

Nur eine Sache möchte ich dir mitgeben, bevor ihr bald auch zu dritt seid:

Schlaf! Schlaf soviel du kannst und wann immer es geht. Geh um neun ins Bett, schlaf bis mittags und schlaf dann weiter.

Ich weiß, Studien besagen, es sei nicht möglich vorzuschlafen. Tu es trotzdem.

Gern würde ich dir noch ein paar mehr Worte zum Thema Elternschaft mitgeben. Aber ich bin müde, so müde.

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P.S. Eine Lektüreempfehlung, die dich in den nächsten Tagen auch per Post erreichen wird, will ich dir aber doch an die Hand geben. So kannst du immer abwechselnd lesen und schlafen und dich aufs Elternsein freuen. Mehr braucht es nicht.

buch_dasnuf

P.P.S. Grad wollt ich noch schreiben „Genieß den Endspurt“ – als wüsste ich selber nicht mehr, wie ätzend grade die letzten Züge der Schwangerschaft waren. Das ist der Schlafmangel, ich schwör.

Brief an meine große Schwester

Septemberkind

Bevor ich schwanger wurde, hatte ich keine Ahnung, dass man sich den Luxus irgendwann schwanger zu werden, eigentlich gar nicht leisten kann. Irgendwie war ich so naiv zu glauben, dass, wenn das Kind dann da ist, sich schon alles fügen wird. Jetzt ist meine Tochter 14 Monate alt und ich bin um einiges klüger. Der ideale Geburtsmonat richtet sich danach, wann das Kind in eine Betreuung soll! Die Formel zum Glück lautet also: gewünschter Betreuungsbeginn minus Dauer der Schwangerschaft minus Elternzeit minus evtl. individuelle Entscheidungen = idealer Zeitpunkt für den Schwangerschaftsbeginn.
Diesen Zeitpunkt sollten sich Paare mit Kinderwunsch rot im Jahreskalender markieren. Ist er unschwanger verstrichen, tja: neues Jahr, neues Glück!
Nun bin ich in einer Situation, um die mich viele werdende und gewordene Mütter bereits in der Schwangerschaft beneideten: meine Tochter wurde im September geboren! Yeah! Punktlandung! Doch anstatt vor Freudentaumel beinahe das Neugeborene fallen zu lassen, war ich nicht sooo begeistert:

Mein Töchterchen soll doch erst mit anderthalb in den Kindergarten!!

Unverständnis von allen Seiten schlug und schlägt mir immer noch entgegen. Immerhin ist es hier sozusagen der Normalzustand, dass Kinder mit einem Jahr fremdbetreut werden. Mütter, die das nicht wollen sind überbehütende Glucken oder arbeitsscheu.
Keine der beiden Kategorien trifft auf mich zu, mir war ein Jahr einfach nur zu jung. Noch dazu hatten wir keinen leichten Start ins Familienleben und wollen jede Sekunde zu dritt auskosten, bevor das Leben uns Ernst vorbeischickt.

Viele Worte, um eigentlich nur eins loszuwerden: es gibt keine verdammten Kitaplätze im Frühjahr! Und diese ominösen Wartelisten treiben mich zur Weißglut.
Ich verbringe also einen Großteil des Tages damit, herumzutelefonieren, mit meinem charmantesten Telefon-Ich die Kitaleitungen um den Finger zu wickeln und armen Tagesmüttern und -vätern in meiner näheren Umgebung aufzulauern.
Alles keine erfolgversprechenden Methoden. Aber ich gebe nicht auf!

Septemberkind