Bewerbungskrampf

Die Überschrift zu diesem Eintrag hatte ich bereits vor ner Weile geschrieben, aber nie einen Text dazu ergänzt. Mir fehlten in der Zeit der Bewerbungsphase einfach jegliche Worte, um das Elend zu beschreiben.

Alle verfügbaren Worte flossen zu dieser Zeit in (meines Erachtens) höchst eloquente Bewerbungsanschreiben. Ich suchte mir Stellenanzeigen heraus, durchforstete die Unternehmenswebseite und ggf. alle Social-Media-Kanäle nach brauchbaren Hinweisen auf die Unternehmenskultur, auf das Miteinander und verfasste mein Anschreiben im perfekt auf das Unternehmen abgestimmten Sprachstil. Einmal ging ich sogar aufs Ganze und warf alle Vorstellungen der traditionellen Bewerbung über Bord und gestaltete ganz kreativ einen Fragebogen in der Aufmachung, in der sich auch die Mitarbeiter unter „Team“ auf der Webseite präsentierten.

Ich vermied Floskeln, Konjunktive, Worthülsen. Allein es half alles nichts. Mit jeder Absage wuchs mein Frust und die Vermutung, dass niemand (wirklich niemand!) mit einer ‚ganz normalen Bewerbung‘ eine Stelle bekommt. Ich besuchte einen Workshop zum Thema Netzwerken von Flipped Job Market (eigentlich sehr empfehlenswert-wenn man am Anfang der Jobsuche steht). Dort lernten wir zwar eine vielversprechende Methode kennen, um mit Menschen, die im gewünschten Berufsfeld arbeiten, ins Gespräch zu kommen. Mich persönlich brachte das aber nicht weiter. Denn eigentlich wusste ich ja da schon ganz genau, wo ich hinwill. Die einzige, eher ernüchternde Erkenntnis, die ich vom Workshop mitnahm, war, dass sich 80% aller Stellenbesetzungen im sogenannten verdeckten Arbeitsmarkt abspielen, v.a. über interne Stellenausschreibungen, Freunde/ Bekannte und Freunde von Freunden. Nicht besonders motivierend.

Nach über zwanzig Absagen reichte es mir. Ich ließ es drauf ankommen und streute absichtlich Worte in die Bewerbungsschreiben, die ich (wenn ich Personaler wäre) verabscheue. Proaktiv. Teamfähig. Familienmanagement. Mich schüttelt es auch jetzt noch, wenn ich diese Zeilen schreibe. In jedem Karriereportal wird ausdrücklich davon abgeraten, diese ausgelutschten Phrasen zu verwenden.

Und prompt kam die erste Einladung zum Bewerbungsgespräch. Und die zweite. Und nun hab ich den Job. Ich würde so gern mit einem Happy End schließen, für all diejenigen, die an der Jobsuche verzweifeln, nach dem Motto: seht ihr, es hat geklappt mit einer ‚ganz normalen Bewerbung‘ – nur leider habe ich ja schon geschrieben, dass Vitamin B auch hier nicht ganz unbeteiligt war.

Während des Bewerbungsgesprächs lag mein Anschreiben auf dem Tisch und meine (evtl. zukünftigen) Kollegen lasen es sich ‚unauffällig‘ noch mal durch. Es war das Anschreiben, in dem ich mein ach so tolles Familienmanagement betone. Ich versuchte, die beiden durch besonders geistreiches Gerede vom Lesen abzulenken…aber wer weiß, ob mir das gelang.

Jetzt, nachdem ich im (fast) sicheren Hafen des Berufseinstiegs eingelaufen bin (nur noch 5 Monate Probezeit, toitoitoi!), habe ich meine Realitätsschockstarre überwunden. Die Arbeit passt zu mir und meinen Vorstellungen, ich habe viele Freiräume für eigene Ideen und Vereinbarkeit ist kein Thema. Meine beiden Kollegen sind speziell, jeder auf seine Art, und ich denke, wir geben zu dritt ein gutes Bild ab. Meine Stimme/ meine Meinung hat Gewicht, ich werde nicht als ‚die Anfängerin‘ behandelt.  Doch jeden Morgen treibt mir der Gedanke die Schamesröte ins Gesicht, dass meine Kollegen in mir jemanden sehen, der das Wort ‚Familienmanagement‘ aktiv verwendet.

Bewerbungskrampf