Ausflug mit Papa – Rammstein

Nein, heute geht’s nicht darum, dass der Freund mal die komplette Nachmittagsbespaßung vom Töchterlein übernommen hat, sondern dass mein Papa mit mir was unternehmen wollte! Und das nicht zum ersten Mal – und doch könnte der Kontrast größer nicht sein. Obwohl gerade das die Vielfalt zeigt, mit der ich dankenswerterweise aufgewachsen bin 😉

Im Dezember lud mich mein Papa jedenfalls relativ spontan zu Giora Feidman in die Berliner Philharmonie ein. Der weltberühmte Klezmer-Klarinettist spielte dort mit einem Cello-Quartett Songs von den Beatles und es war wundervoll. Da ich selbst Klarinette spiele (allerdings kein Klezmer), war das ein sehr schönes Geschenk.
Der Musikgeschmack meines Vaters endet allerdings nicht bei Klassik, nicht bei Klezmer. Mein Papa ist vorrangig der Grund, warum ich alle Keimzeit-Lieder auswendig kenne, warum ich bei allen Rosenstolz- und Element of Crime-Konzerten war. Obwohl 88er-Jahrgang, sind all diese Bands tief in mir drin als Richtschnur für gute Musik eingespeichert (abgesehn von Rosenstolz, die irgendwann zu merkwürdig wurden). Doch während sich auf die Hitliste anderer Eltern auch mal Schlagerstars verirrten, ist, war und bleibt mein Papa immer Rammstein-Fan. Für ein Konzert fährt er schon mal nach Prag oder Breslau, trifft Lindemann und Konsorten dann auch gern mal am Grenzübergang (gibt’s ja heut nicht mehr…) und versucht auch seine beiden Töchter des Öfteren für den brachialen Sound zu begeistern. Ich kann nicht für meine Schwester sprechen, aber für mich waren Rammstein immer ein Mü too much. Too much brachial, too much deutsch, too much haudrauf. In der 10. Klasse mussten wir ständig „Sonne“ und „Links, zwo, drei, vier“ singen – einerseits tat das mal gut, weil wir sonst nur „Mein kleiner grüner Kaktus“ gesungen haben, andererseits wussten wir auch nie, wie man zu den Texten stehen soll – deswegen war mein Verhältnis zu Rammstein immer etwas ambivalent.

Dann sah ich zufälligerweise die Dokumentation „Rammstein in Amerika“ und irgendwie konnte ich mich nicht losreißen von diesen verrückten Typen, die doch immer für das brannten, was sie träumten und auch letztendlich umsetzten. Die Bandmitglieder wirkten so sympathisch und nahbar, dass ich mir echt die komplette Doku ansah und danach noch mehr wollte. Noch mehr Wissen über das Zusammenspiel dieser Band.

Dann las ich einen Zeitungsartikel, den ich wirklich nur empfehlen kann. Die Bandmitglieder kommen so absolut geerdet rüber und doch merkt man die Leidenschaft für ihren Beruf. Und genau das hat man auch in dem Kinofilm „Rammstein: Paris“ gemerkt. Ich schickte meinem Papa (kein typischer Leser der SZ) den Artikel, weil ich dachte, er könnte ihn interessieren und er kaufte daraufhin die Karten, obwohl ich bis dahin noch nie wirklich Stellung zu Rammstein bezogen hatte. Einerseits war mir das immer alles zuviel. Zuviel Pathos, zuviel Deutschtümelei (rollendes „r“, typische Topoi aus Grimmschen Märchen etc.), andererseits konnte ich mich der Faszination, untermauert durch Musiker, die echt was drauf haben, nie wirklich entziehen. Und so gingen wir gestern Abend/ Nacht (22:45 Uhr) ins Cubix am Alexanderplatz und ließen den Film mal auf uns zukommen. Was soll ich sagen, es war wirklich grandios. Klar war es irgendwie komisch, ein Konzert im Kino zu sehen, weil keiner klatscht, aber der Film war wirklich spektakulär. Der Regisseur J. Åkerlund (das musste ich nachgucken, trotz Popularität kenne ich den nicht…) hat es hingekriegt, die Bandbreite der Band zwischen Brachialität (ist das ein Wort?!) und Schmalz („Mutter“, „Engel“) abzubilden, ohne der einen oder anderen Färbung mehr Gewicht zukommen zu lassen. So bekam ich tatsächlich Gänsehaut bei „Sonne“ (wenn das Herr M., mein Musiklehrer lesen würde…!) und habe bei „Ohne dich“ tatsächlich ein, zwei „Augentränchen“ (wie die Tochter momentan sagt) vergossen. Alles in allem ein echtes Highlight und konsequenterweise kam die Frage von Papa noch vor dem Kinoausgang:

„Nächstes Mal Rammstein in Berlin?“

„Aber sowas von!“

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