Schattenseiten.

Gestern war ich mal wieder „in der Stadt“. So sagen die Köpenicker, wenn sie mal ihren Kiez Richtung Berliner Innenstadt verlassen. Kommt selten genug vor und ist bei eingefleischten Vorstädtern mit genauso viel Aufregung verbunden wie beim typischen Touri. Meine persönliche Berliner Wohlfühlzone endet beispielsweise am S-Bahnhof Friedrichstraße. Gestern ließ es sich aber nicht vermeiden, noch eine Station weiterzufahren zum Hauptbahnhof.

Es gibt kaum Orte in Berlin, an denen ich mich unwohler fühle als am Berliner Hauptbahnhof. Ein kalter Koloss aus Stahl, Glas und Beton – DB-Standard, aber hier eindrücklich erdrückend umgesetzt – in dem ich, sobald sich hinter mir die S-Bahn-Türen schließen, die Orientierung verliere. Als hätte mir jemand die Augen verbunden, mich fünfmal im Kreis gedreht. Ganz frauenuntypisch mangelt es mir sonst eher selten an Orientierungssinn, aber dort… Die Umgebung des Bahnhofs trägt zum Großteil zu diesem Problem bei: Sie ist bei jedem Besuch komplett anders. Der Hauptbahnhof wurde sozusagen im Niemandslang gebaut, rundum gab es nur Brachland und die Spree und nach und nach die Regierungsgebäude. Inzwischen schießen aber, gefühlt im Wochentakt, neue Hotels und wasweißich aus dem Boden.

Nachdem ich mich halbwegs orientiert habe und vor dem Bahnhof stehe (nicht wissend, ob das nun der offizielle Haupteingang ist?!), wird das Unwohlsein auf die nächste Ebene gehoben. Innerhalb von einer Minute sprechen mich mindestens fünf verschiedene Menschen an, die a) Straßenfegerverkäufer, b) Motz-Verkäufer, c) Leuchtturm-Verkäufer, d) „normale“ Bettler und e) „do-you-speak-english“-Frauen sind, die alle meine Hilfe, sprich Geld, wollen. Als Berliner (selbst in Köpenick) ist man da einiges gewohnt, vergeht doch keine Fahrt ohne rührende Ansprache oder „Nossa“-Sängertruppen. Aber nach dem dritten selbsternannten Querflötenvirtuosen in der Bahn bin ich dann auch bedient. Ich stelle mir vor, wie sich Berlin-Ankömmlinge fühlen müssen, die nach anstrengender Reise endlich den Weg nach draußen gefunden haben und direkt belagert werden (hartes Wort, aber so fühlt es sich an). Und als würde die Architektur des Bahnhofs, das Labyrinth innerhalb sowie die organisierten Bettlerbanden (es gab offizielle Lautsprecherdurchsagen, die vor kriminellen Bettlern warnten!) nocht nicht herzlich genug, werden die Reisenden auf dem Vorplatz folgendermaßen begrüßt:

So werden Reisende am Berliner Hauptbahnhof begrüßt.

Willkommen in Berlin!

Ein überdimensionaler Mülleimer (soooo unglaublich groß, ich glaube das kommt auf dem Bild gar nicht so rüber) mit der Aufschrift „Welcome to Berlin!“. Das war zu viel für mich. Ich brach in so hysterisches Gekicher aus, dass sich auch die Straßenfeger-Verkäufer lieber ein paar Meter von mir wegbewegten.

Ich sehnte mich nach Köpenick zurück, aber zum Glück brachte mich mein Zug ratzfatz weg aus dieser Tristesse. Es ging übrigens nach Leipzig, ein Treffen mit lieben Freunden in der sehr, sehr empfehlenswerten Gaststätte Kollektiv (nein, kein Anflug von Ostalgie, dafür bin ich zu jung). Off topic, aber es lässt sich dort hervorragend tschechisch schmausen und Pilsner Urquell vom Fass, was braucht es mehr. Aber meine Tschechien-Liebe hebe ich mir vielleicht doch für einen anderen Post auf.

An die Berliner und Berlin-Touristen und Berlin-Durchreisenden da draußen – welche Gefühlsregungen verspürt ihr am Berliner Hauptbahnhof? Warum hat jede Stadt einen spektakulär schönen Hauptbahnhof und wir diese anfällige Architektur-Experiment-Komprisslösung?

Genug gemeckert. Demnächst gibt’s wieder schöne Seiten von Berlin, ich will euch endlich auch mal mitnehmen ins schöne Köpenick!

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Über karachokaro

Mit ultimativem Mann, Turbo-Tochter und Kater im grünsten Bezirk Berlins: Köpenick. Ist das noch Berlin?? Ja, ist es. Und schön noch dazu! Ich schreibe hier über das, was mich bewegt, interessiert, begeistert - vom saarländischen Zimtwaffelrezept bis Coding-Workshops.
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